Leder – Ein einfaches aber wirksames Naturmaterial

2017 / Januar / 31 / Hinter den Kulissen /

Langlebig. Funktionell. Gut. Man mag es fast nicht glauben: allem technischen Fortschritt zum Trotz gibt es noch immer kein von Menschenhand hergestelltes Material, das sich besser für hochwertige Trekking- und Bergschuhe eignet, als Leder. Das war zu Ötzis Zeiten so und ist auch heute noch der Fall. Allerdings gibt es solches Leder und solches Leder. Es kommt eben darauf an…

Leder ist ein Naturmaterial. So wie es zuvor das Tier vor Wind und Wetter schützte, kann es auch dem Menschen dienen. Hochwertiges Leder ist unglaublich robust, passt sich der Fußform perfekt an, reguliert die Wärme, puffert Schweiß, lasst Schwitzfeuchtigkeit nach außen passieren, ist bei entsprechender Behandlung erstaunlich wasserdicht und behalt seine Form „ewig“. Aber was macht die Qualität guten Leders aus? Eine Vielzahl von Faktoren: die Tierart und der Einsatzzweck des Schuhs müssen zusammenpassen, die Herkunft des Tiers, die Herstellung des Leders sowie nicht zuletzt die Kunst des Schuhmachers. Ein schlechter Koch kann auch aus guten Zutaten kein wirklich leckeres Essen zaubern. Bei einem Schuhmacher ist das nicht anders.

Die Qualitätsrinder
Im Prinzip kann man aus jedem Leder auch Schuhe herstellen. Für Trekking- und Bergschuhe nimmt man vor allem robustes Rindsleder her. Die beste Qualität kommt von Tieren, die sich viel draußen bewegen und zwar bei möglichst unterschiedlichen Wetterverhältnissen. Das ideale Schlachtalter liegt bei etwa zwei Jahren. Dann ist die Haut dick genug, stramm und fest. Merke: Rindsleder ist für Trekking- und Bergschuhe erste Wahl, aber nicht alle Rinder sind gleich. Auch Yak-Leder eignet sich ganz hervorragend, nur gibt es einfach nicht so viele Yaks. Wir können von unseren Yak-Modellen daher nicht so viele produzieren, wie wir verkaufen könnten.

Ab in die Wasserwerkstatt
Wenn man dem Rind oder Yak das Fell abzieht, hat man noch kein Leder. Bis dahin ist es ein langer Weg, der extrem viel Sachkenntnis und Zeit erfordert. Nach der Schlachtung werden die Haute gesalzen oder in Kühlräumen gelagert, damit sie nicht vergammeln. Der erste Verarbeitungsschritt findet in der Wasserwerkstatt statt, so genannt, weil dort – vor allem früher – sehr viel Wasser verbraucht wurde. Die Haut kommt in die Weiche, wo sie einige Stunden aufquillt und anhaftender Schmutz entfernt wird. Dann wird die Außenseite geäschert: Kalk und Schwefelverbindungen lösen dabei Haarreste von der Haut. Beim anschließenden Entfleischen werden auf der Innenseite Fleischreste abgeschabt. Jetzt spricht der Fachmann von der „Blöße“.

Dickes passend machen: die Blöße spalten
Rindsleder ist in der Regel zu dick, um daraus Schuhe zu schustern. Es wird daher horizontal gespalten (meist vor
dem Gerben). Man unterscheidet Narbenspalt (Außenseite), Mittelspalt (mittlere Schicht; wird im Schuhbereich nicht verwendet) und Fleischspalt (Innenseite). Am robustesten ist der Narbenspalt. Es ist die äußere Schicht der Haut und wird in der Regel mit dem Narben (= Haarseite) nach außen verarbeitet. Man tragt also den Schuh wie einst die Kuh ihre Haut. So genanntes Rindbox-Leder ist ein besonders harter, fester Typ des Narbenleders. Im Trekking- und Wanderschuhbereich verwendet man häufig Nubukleder. Bei diesem Leder wird die Narbenschicht leicht angeschliffen, um eine schöne Optik zu erzielen, ist als Narbenschicht aber noch erkennbar. Merke: Narbenleder eignet sich für Trekking- und Bergschuhe am besten.

Mittel- und Fleischspalt haben zwei raue Seiten und werden zu so genanntem Veloursleder verarbeitet. In Deutschland muss nach DIN EN 15987:2011 (eine Norm für die Terminologie im Lederhandel) jedes gebrauchsseitig angeschliffene Leder als „Veloursleder“ bezeichnet werden. Umgangssprachlich spricht man auch von Rauleder oder Wildleder, es stammt jedoch nicht von „Wildtieren“. Merke: Veloursleder sind keineswegs alle gleich.

Die Kunst der Gerbung
Der wichtigste Prozess der Lederherstellung ist die Gerbung. Sie macht die tierische Haut haltbar. Würde man nicht gerben, würde die Haut als organisches Material verwesen. Grundsätzlich gibt es pflanzliche („vegetabile“) Gerbverfahren, Mineralgerbung, synthetische Gerbung sowie kombiniert gegerbte Leder. Die vegetabile Gerbung arbeitet mit Gerbstoffen natürlichen Ursprungs, z.B. Rinde, Holzer, Kerne oder Früchte. Bei der Mineralgerbung verwendet man vor allem Chromsalze, teils auch Aluminium- oder Eisensalze. Für einen hohen technischen Anspruch, wie ihn Trekking- und Bergschuhe stellen, eignen sich chromgegerbte Leder bislang am besten. Gegenüber pflanzlich gegerbten Ledern besitzen sie eine wesentlich höhere Reißfestigkeit und man kann sie besser hydrophobieren (= wasserabweisend machen). Der Gerbvorgang selbst läuft relativ schnell und bei geringerem Einsatz von Wirkstoffen. Nicht zuletzt kann man das frisch gegerbte Zwischenprodukt – wegen seines typischen bläulichen Farbtons spricht der Insider von „Wet Blue“ – sehr gut lagern und transportieren. Die Arbeit mit Chrom kann jedoch gewisse Gefahren bergen. Heute arbeitet man praktisch ausschließlich mit Chrom III-Sulfat als Gerbstoff. Es gilt als gesundheitlich unbedenklich, ist allerdings auch nicht völlig unumstritten. Wenn die Gerberei aber bei der Prozessüberwachung schludert (zu große Hitze) oder z.B. billige Fettungsmittel einsetzt, kann Chrom III zu gesundheitsschädlichem Chrom VI oxidieren. Chrom VI-Salze gelten als allergen, in höheren Dosen und auf Dauer als toxisch und krebserregend. Man kann als Gerber eine Menge Geld sparen – auf Kosten der Gesundheit seiner Kunden. Merke: Chromgegerbte Leder sind funktional erste Wahl, aber nicht alle chromgegerbten Leder sind gleich.

Zurück zur Natur
Um die Risiken fur Umwelt und Gesundheit zu minimieren, beziehen wir unser Leder aus europäischen Gerbereien, allen voran das deutsche Unternehmen Heinen, seit vielen Jahren ein zuverlässiger Partner. Hier wissen wir sicher, dass hochwertige Rohware unter Erfüllung höchster Umweltstandards verarbeitet wird. Mit unseren Lieferanten arbeiten wir auch an der Verbesserung von vegetabil gegerbtem Leder. Noch vor ein paar Jahren hatten wir uns nicht getraut, dieses auch als Oberleder zu verwenden. Bei Schuhen ohne Gore-Tex® setzen wir es bereits ein. Und mit Gore-Tex®? Noch nicht, denn die Hydrophobierung ist noch nicht gut genug. Merke: Vegetabil gegerbte Leder werden immer leistungsfähiger. Nach der Gerbung erfolgt das „Falzen“. Dabei werden durch rotierende Messerwalzen Falzspane vom Leder abgetragen, damit man die gewünschte Dicke erhält. Danach folgen die Färbung, eine Fettung für die Geschmeidigkeit, die Hydrophobierung sowie eine mechanische Auflockerung der Faserstruktur (das „Stollen“). Der letzte Arbeitsschritt ist die Zurichtung. Dabei wird die Außenseite des Leders nochmals behandelt, um bestimmte Eigenschaften zu bekommen: Farbe, Prägung, matt oder glänzend etc. Was man bei der Zurichtung genau macht, richtet sich stark nach dem Verwendungszweck.

Der Stanzer, der Metzger und der Koch
Ein guter Metzger ist ein Meister beim Zuschnitt des Fleischs und der Koch bereitet es so zu, dass es zur Delikatesse wird. Eine ähnliche Rolle spielt der Stanzer in der Schuhmacherei. Während Computerprogramme darauf ausgelegt sind, eine Haut so zu verarbeiten, dass möglichst wenig Abfall entsteht, wählt ein guter Stanzer für besonders beanspruchte Teile am Schuh (z.B. Vorfuß) auch besonders geeignete Stellen der Haut aus. Merke: Gutes Leder macht noch keinen guten Schuh…

Alles in allem ist Leder ein großartiger Werkstoff – nicht billig, aber gerade für hochwertiges Schuhwerk unübertroffen. Dabei ist es übrigens schwieriger und teurer, aus nur einem oder wenigen Schnittteilen einen Schuh zu fertigen als aus vielen kleinen.