Die Altersschwäche der Mittelschicht

2017 / März / 03 / Tipps & Tricks /
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mmer wieder erhält unsere Serviceabteilung Anrufe wie “Letztes Wochenende ist bei einer Wanderung an meinem Stiefel die Sohle ganz plötzlich abgefallen. Sie war ganz bröselig. Dabei habe ich die Schuhe nur ganz selten getragen.“ Was genau ist hier geschehen? Die Antwort heißt: Hydrolyse der Zwischensohle. Ein Erklärungsversuch…

In so manchem Keller und auf so manchem Speicher schlummert es, das vermeintliche Schmuckstück – ein kaum getragener Bergschuh. Ohne jegliche Abnutzungsspuren sieht er noch genau so neu aus, wie man ihn vor zehn Jahren dort abgestellt hat. Der Anblick eines so „jungfräulichen Klassikers“ lädt regelrecht zu einer ausgiebigen Tour in den Bergen ein – keine Frage. Doch wer mit solchen, in die Jahre gekommenen Exemplaren loswandert, hat gute Chancen, ohne komplette Sohle nach Hause zurückzukehren. Warum? Hydrolyse heißt die Antwort, ein chemischer Prozess, bei dem Wasser eine chemische Verbindung spaltet – im Falle der Zwischensohle Polyurethan. Das Material nimmt ganz langsam Feuchtigkeit auf und verändert damit seine Eigenschaften. Es wird härter, poröser, irgendwann beginnt die Zwischensohle zu bröseln und im Extremfall löst sie sich komplett auf. Die Laufsohle fällt dann einfach ab.

Es gibt jedoch Unterschiede, ob man Polyurethan auf Ester- oder Ether-Basis nimmt. Beide haben ihre Vor- und Nachteile bezüglich Dauerhaftigkeit der Dämpfung, Elastizität, mechanische Festigkeit, UV- und Mikrobenbeständigkeit etc. Praktisch alle Hersteller qualitativ hochwertiger Berg- und Trekkingschuhe setzen auf PU auf Ester-Basis. In der Summe seiner Eigenschaften ist es das geeignetste Material – trotz der Hydrolyse. Daher haben auch alle Hersteller mit dieser Altersschwäche zu kämpfen.

Das Dumme an der Hydrolyse ist: Man kann von außen nichts erkennen! Der Prozess beginnt zuerst innen. Selbst wenn die Schuhe optisch wie neu aussehen, kann das Innenleben der Zwischensohle bereits geschädigt sein. Es empfiehlt sich also, nach längeren Standzeiten vor dem Aufbruch zu einer großen Tour seine Schuhe „testzulaufen“. Eine reine Sichtprüfung reicht nicht aus. In den einschlägigen Foren oder Bewertungsportalen liest man oft, dass die Hydrolyse langsamer verlaufe, wenn die Schuhe getragen würden. Auch wir sprechen dann von einem „Standschaden“. Wirklich erwiesen ist diese These allerdings nicht. Wir behalten das aber in der Zukunft im Auge.

So oder so: Berg- und Wanderschuhe gehören raus in die Natur und nicht ins Regal! Sehr großen Einfluss auf den Hydrolyse Prozess hat dagegen die Lagerung. Schuhe müssen luftig und trocken aufbewahrt werden. Darüber hinaus sollten sie nie hohen Temperaturen ausgesetzt werden. Beides begünstigt die Hydrolyse massiv. Was man auch vermeiden sollte, ist Kontakt mit Jauche und Mist (Mikroben) – vor allem auf Dauer. Kuhfladenreste also bitte nach der Tour sofort entfernen – am besten abspülen. Wann die Hydrolyse einsetzt ist trotzdem auch heute noch extrem unterschiedlich. Wir rechnen momentan mit circa sechs bis sieben Jahren nach der Fertigung der Zwischensohle damit. Was wir hier zu bedenken geben wollen ist, dass der Zeitpunkt des Schuhkaufs ja nicht dem Zeitpunkt der Fertigung der Sohle entspricht. Davor stehen Lieferung und Lagerung der Sohle, Fertigung des Hanwag Schuhs, Lieferung und Lagerung des finalen Produkts von Hanwag zum Händler. Wenn ich also heute im Laden einen Hanwag Bergschuh kaufe, steht der vielleicht schon einige Monate im Regal. Ist gerade „Sale“ und ich ergattere ein Model aus der Vorjahreskollektion zu einem vergünstigten Preis, ist das Produkt vielleicht sogar schon ein paar Jahre im Laden. Das sollte bei der Ermittlung des Alters eines Schuhs durchaus bedacht werden.

Knowhow Hydrolyse

  • Schuhe dunkel, trocken und kühl lagern.
  • Man kann Hydrolyse von außen nicht erkennen.
  • Schuhe von Wärme / Hitze fernhalten.
  • Vor längeren Touren eine „Testwanderung“ machen.
  • Schuhe regelmäßig benutzen.
  • Jauche und Mist meiden bzw. nach der Tour sofort abspülen

Wessen Schuhe von Hydrolyse betroffen sind, darf sich hingegen über unsere Machart freuen: Da unsere Schuhe nicht gestrobelt sind (eine Machart, die keine Wiederbesohlung erlaubt), können sie ohne Probleme neu besohlt werden – mitsamt einer garantiert nagelneuen Zwischensohle!

Wiederbesohlung: So geht’s bei Hanwag

In der Regel hält der Schaft länger als die Sohle. Du kannst Dir den Kauf neuer Schuhe sparen, in dem Du Deine alten wiederbesohlen lässt – auch wenn wegen Hydrolyse die Sohle abgefallen sein sollte. Dazu bringst du die Schuhe einfach zum Hanwag-Fachhändler: Dieser schickt sie an uns zur Reparatur. Über die Kosten kann Dir der Händler Auskunft geben. Ein direktes Einsenden ist leider nicht möglich. Was wir Dir prognostizieren: Du wirst staunen, wie gut Deine „alten Treter“ danach wieder aussehen… Wie gut sie Dir weiterhin passen… Wie viel das billiger ist als ganz neue Schuhe… Von der Nachhaltigkeit ganz zu schweigen. Mehr dazu könnt ihr auf unserer Website erfahren.